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Verzeihen und Vergeben - Was ich davon halte

  • 26. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Juni


Warum beschäftigst du dich mit dem Verzeihen? Möchtest du, dass dir verziehen wird? Oder möchte jemand von dir, dass du vergibst?

Verzeihen. Vergeben.

Kleine Worte mit großer Bedeutung.

Oder mit großer Last?


Es gilt als Ausdruck von Reife, Größe, innerem Frieden und menschlicher Entwicklung. Wer verzeiht, erscheint versöhnt. Wer nicht verzeiht, gerät schnell in den Verdacht, festzuhalten, nachtragend zu sein oder sich einer notwendigen Entwicklung zu verweigern.

Ungeachtet dessen, dass ein vorschnelles Verzeihen die Gefahr birgt, einen wichtigen Teil seiner eigenen Entwicklung zu überspringen. Dann wird so getan, als hätte man ein schmerzhaftes Thema endlich abgehakt....

Verzeihen und vergeben ist nicht etwa eine Entscheidung, die du aussprichst und dann ist es "erledigt". Das wäre Verdrängung höchster Güte.

Du kannst dich zwar bewusst dazu entscheiden, dass du verzeihen oder vergeben möchtest, jedoch braucht es eine gewisse Zeit und innere Arbeit, bis sich als Resultat das Gefühl von innerem Frieden in dir einstellt.


Allein durch die Worte "ich verzeihe" ist es nicht getan.

Der innere Prozess des Verzeihens wird besonders schwierig, wenn es als Ratschlag den Weg zu dir findet oder sogar von dir erwartet wird.



Kleiner Exkurs:

Verzeihen ist immer ein gegenseitiger Prozess. Ja, beim Verzeihen geht es um die Beziehung. Es setzt voraus, dass derjenige, der um Verzeihung bittet, Reue zeigt, sich seiner versäumten Verantwortung bewusst geworden ist und die Wirkung seines Handelns nicht länger von sich wegschiebt.

Vergeben hingegen bedeutet, dass allein die "Gnade" des Verletzten waltet. Ein einseitiger Schritt, bei dem du etwas in dir ordnest, um abzuschließen und deinen inneren Frieden zu finden.

Im Alltag werden beide Begriffe oft gleich verwendet. Deshalb nutze ich sie in diesem Beitrag ebenfalls synonym, da es beide gleichermaßen betrifft.



verzeihen und vergeben


Ich möchte kurz darlegen, welchen Druck die Bitte, der Rat, die Aufforderung zu verzeihen auslösen kann - und - was Verzeihen eigentlich bedeutet.


der Druck wenn du verzeihen und vergeben sollst

Verzeihen als eine Aufforderung zu erleben, kann enorm viel Druck erzeugen. Die Aufforderung dahinter lautet häufig: „Beende endlich den Konflikt, damit es für mich leichter wird.“

Nicht selten beginnt dann eine innere Kettenreaktion. Ursprungsthemen (Versagen, Verlust, Verantwortung, Schuld, Wut) können sich zuspitzen wenn durch die Aufforderung ein einengendes, müssendes Gefühl einstellt. Dies führt zu Zweifeln und zur Suche nach Rat.

Die Gefahr liegt darin, dir selbst einzureden, du müsstest lieben und verzeihen, und dadurch in die ungewollte Verdrängung abdriftest.

Du bringst dir selbst das Zweifeln bei. Du bringst deine Gefühlswelt und deine Wahrnehmung zum Schweigen. Im Umkehrschluss nimmst du dir selbst das Recht auf eigene Gefühle und Gedanken...

Und tust am Ende vielleicht wieder genau das, was von dir verlangt wird.

Wenn du dich bereits auf deinem eigenen Entwicklungsweg befindest, kann die Aufforderung zum Verzeihen den inneren Druck verstärken. Dann kommen Wut, Groll und Unverständnis deshalb hoch, weil sich etwas in dir wehrt.


Verzeihen auf Kommando ist Unterdrückung. Wer dir sagt, du musst verzeihen, will meistens, dass du aufhörst, darüber zu sprechen, zu reflektieren, zu fühlen. Dass du aufhörst zu benennen.


ES HAT EINEN GRUND, DASS DANKBARKEIT, LIEBE UND VERZEIHUNG GERADE NICHT "MÖGLICH" SIND..... UND DAS IST OK. 

Wieso solltest du Schritte in deiner Krisenbewältigung oder Entwicklung übergehen? Auch die Dinge, die dem Verzeihen im Weg stehen, haben ihren Ursprung und ihre Berechtigung. Ohne sie anzuschauen, kannst du im Herzen nicht verzeihen.



Motive der Aufforderung "du solltest vergeben"

Wenn Jemand bewusst sagt, du solltest (mir) verzeihen, dann läuft was schief. Dann hat dieser Jemand nicht begriffen, worum es beim Prozess des Verzeihens oder Vergebens eigentlich geht.

Dann kann es sein, dass nicht dein innerer Frieden gemeint ist, sondern seine Entlastung.

Vielleicht erwartet dieser Mensch, dass du dich wieder beugst. Dass du deine Wahrnehmung zurücknimmst. Dass du mit dem Verzeihen den Konflikt beendest, damit seine Welt wieder stimmt.


In meiner Arbeit begegnet mir Verzeihen häufig an Stellen, an denen es weniger um Heilung geht als um die Erhaltung vom alten Systems.


Verzeihen darf niemand von dir einfordern. Tut dies jemand trotzdem, zeigt das häufig die eigenen unbearbeiteten Themen dieser Person. Mit der (unbewussten) Absicht, dich und dein Selbstbild zu verrücken um eigenen Nutzen daraus zu ziehen.

Eventuell hat dieser Jemand selbst die Abkürzung der Verdrängung gewählt. Oder der Selbstverleugnung.

Dann sagt er sich womöglich: ´ich habe das schon verziehen. Da gibt es nichts weiter zu besprechen. Es ist aus der Welt. "Alles gut".` Und das wird von dir genau so erwartet.


Doch werden Schritte übersprungen, zieht es in das alte System der Verletzung zurück.

Manch einer möchte womöglich mit deinem Verzeihen seine eigene Absolution erlangen, Bestätigung erfahren oder seine Position behalten. Das hat wenig mit echter Aufarbeitung zu tun. Es zeigt eher, wie falsch dieses kleine große Wort verstanden wird.


Die Gefahr besteht:

Wenn du schnell und oberflächlich vergibst, verzeihst du nur für Harmonie.



An die Menschen, die Verzeihen einfordern

Wer Verzeihen einfordert, sollte sehr genau prüfen, welchem Bedürfnis diese Forderung dient.

  • Geht es wirklich um den verletzten Menschen?

    Oder geht es darum, dass endlich Ruhe ist?

  • Geht es um Verantwortung?

    Oder um Entlastung?

  • Geht es um ehrliches Verstehen?

    Oder darum, dass der andere seine Verletzung nicht mehr zeigt?


Wer Verzeihen verlangt, ohne die Verletzung verstanden zu haben, fordert im Grunde Schweigen. Der Schmerz soll verschwinden, damit das eigene Bild wieder stimmt. Der Konflikt soll enden, ohne dass die Ursache berührt wird.

Das ist kein Verzeihen, das ist Druck im Gewand von Reife.

Gerade in Familien, Partnerschaften oder alten Systemen wird Verzeihen oft dort verlangt, wo eigentlich Verantwortung nötig wäre. Dann soll der verletzte Mensch den Frieden herstellen, obwohl er nicht derjenige war, der ihn zerstört hat.

Verzeihen darf nie zur Pflicht werden, damit andere sich nicht mit ihrem Verhalten beschäftigen müssen.



was Verzeihen eigentlich bedeutet

Verzeihen bzw. vergeben ist ein "Geschenk" an dich selbst. Nicht für den, dem du vergibst.

Wenn du für dich, nur für dich, verzeihen kannst, kann das ein sehr befreiendes Gefühl sein, als positive Konsequenz deiner Arbeit und Reflektion, deiner Bereitschaft, das Geschehene anzuschauen.


Und da liegt der entscheidende Punkt:

Verzeihen ist ein Prozess. Und der ist nicht von heute auf morgen abgeschlossen. Du wirst selten einfach so etwas verzeihen können, was tief sitzt. Schon gar nicht, nur weil dich jemand darum bittet, es dir rät oder es von dir erwartet.


Verzeihen kann niemand von dir verlangen. Keine neutrale Person. Keine beteiligte Person. Kein Familienmitglied. Kein Mensch, der selbst eine Entlastung daraus ziehen möchte.



Es ist dann für dich möglich, wenn du die Situation definieren kannst, die du verzeihen möchtest, und dir bewusst ist, was diese Situation in dir hervorgerufen hat.


Auf dem Weg des Verzeihens wirst du mit deinen eigenen, möglicherweise noch verborgenen, Themen konfrontiert. Mit Konflikten oder deiner Verletzung selbst. Und es ist meist erst dann möglich, wenn du die Verantwortung dorthin zurückgeben kannst, wo sie ursprünglich hingehört.


Es gibt Dinge, die du vielleicht nicht verzeihen oder vergeben kannst. Und das ist in Ordnung. Nicht alles ist verzeihbar.

Grenzen werden ohnehin relevant, denn ohne sie könnte Vergebung zur Wiederholung einladen.

Übergeh dich nicht selbst. Du kannst auch loslassen, ohne zu verzeihen. Manchmal ist es wichtiger, einen Abschluss zu finden, um inneren Frieden zu erlangen.



Abschließende Worte

Gib auf dich acht, denn es könnte sein, dass du zu den Menschen gehörst, die Prozesse in sich erzwingen möchten, um anderen gerecht zu werden. Vielleicht bist du mit ähnlichen Aufforderungen "konfrontiert"...

Lass dich dazu nicht nötigen, sondern nimm dir die Zeit, die für dein Thema und deine Verletzung nötig ist. Wenn die Zeit nach deiner Innenschau zum Verzeihen "reif" ist, wird es automatisch die Macht verlieren und friedlich in dir werden.


Wenn ich verziehen habe, sind die verziehenen Angelegenheiten nicht ungeschehen. Sie sind Teil meiner Erfahrungen, die mich geprägt und deren Betrachtung mich haben entwickeln und reifen lassen.

VERZEIHEN BEDEUTET NICHT, ZU VERGESSEN.

 
 
 

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